weimarer unter chilangos
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Hochladen: 03/05/2012
Student Marie Schulze
D.F. / México
Nun gut, wo fängt man bei einem Bericht über seinen Aufenthalt in der zweitgrößten Stadt der Welt bloß an?
Seit sieben Monaten bin ich bereits hier, um genau zu sein im Distrito Federal, kurz D.F, in der ciudad de México, México. Meine Adresse ist demzufolge ähnlich lang. Es war recht einfach gleich zu Beginn meine bunt aus Mexikanern und Europäern gemischte WG zu finden. Wir wohnen in einer Gemeinschaft, bestehend aus vier Häusern mit gemeinsamen Innenhof und Dachterrasse, in der colonia Roma. Das Viertel befindet sich más o menos zwischen Centro Histórico und Ciudad Universitaria. Das heißt, nur 40minuten in beide Richtungen mit der Metro oder dem Rad, also sehr zentral.
Das zweite Semester an der UNAM hat schließlich begonnen und wirft Lichtblicke. Nicht zuletzt, weil wir unsere Kurse frei im Megaangebot der größten Uni Lateinamerikas (auf einem Campus der Größe Weimars) zusammenstellen können. Im ersten Semester war festzustellen, dass das Lehrangebot im Bachelor Urbanistik sehr facettenreich ist, die Lehrveranstaltungen im Endeffekt aber sehr verschult sind. Zu Beginn war ich bei den Bewertungen von einem Austauschschülerbonus überzeugt, letztendlich waren aber große qualitative Unterschiede zu Lehrmethoden und den studentischen Resultaten der Bauhaus-Universität Weimar zu bemerken. Vor allem der Entwurf und das Planungsprojekt werden nur halbherzig wahrgenommen, weshalb ich eher empfehle Wahlfächer zu belegen, die durch ihre praktischen und freien Arbeiten interessante Einblicke in das Chaos der Metropolis liefern. Beispielsweise habe ich mich mit den Themen informeller Straßenhandel im historischen Zentrum und räumliche-soziale Segregation im Vergleich Stadt-Peripherie auseinandergesetzt.
Anfangsschwierigkeiten durch die Sprachbarriere konnten mittlerweile auch überwunden werden, obwohl natürlich immer noch am Spanisch zu arbeiten ist. Dabei kann ich nur raten, jede Gelegenheit zu nutzen mit Mexikanern unterwegs zu sein, um dem “chilango” Spanisch ganz nah zu kommen. Das hilft letztendlich auch, die mexikanische Kultur, paso a paso, Stück für Stück, zu begreifen und hinter das Cliché Tacos, Tortas y Tequila steigen.
Die Ess- und Trinkkultur ist jedoch tatsächlich sehr wichtig. Trotz der hohen Zahl von Personen, die in Armut leben, ist es sehr ungewöhnlich auf unterernährte Mexikaner zu treffen. Das Straßenbild wird geprägt von Ständen, insbesondere in Nähe der Bus- und Metrostationen, die 24-7 montiert sind und günstig Nahrhaftes anbieten.
Die Metrokultur ist auch etwas sehr spezielles. Hier rate ich, als blonde Europäerin, erst recht in der hora pica, der rushhour, den Abteil für Frauen und Kinder zu benutzen.
Wenn wir ehrlich sind, sind Zurufe und Blicke auf der Straße nicht ungewöhnlich, aber keinesfalls gefährlich. Viele, und vor allem die Mexikaner selbst, scheinen jedoch eine große Angst für Kriminelles entwickelt zu haben. Es wird geraten, nachts nicht auf der Straße zu sein und niemals in ein normales Straßentaxi zu steigen. Ich kann jedoch berichten, ja, man kann nachts in zentralen Bereichen der Stadt zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein und auch das Taxi hat mich bis jetzt immer nach Hause gebracht. Damit will ich aber nicht verleugnen, dass tatsächlich Überfälle etc. geschehen. Man darf sich von der Angst der chilangos nur nicht hemmungslos anstecken lassen.
Um das traditionelle Mexiko kennenzulernen, muss man sich raus begeben, aus der Metropole, die konstant auf ihrer Suche nach einer Identität zwischen Moderne und prehispanischen Wurzeln zu sein scheint. Reisen in Mexiko ist etwas ganz besonderes. Am besten im Bus, denn dies ist relativ günstig. Es dauert zwar lange, lohnt sich aber umso mehr, wenn man einmal damit begonnen hat. Denn die República de México hat die interessantesten Ecken und eine enorme Varietät an Landschaften zu bieten. Von Dschungel, über Canyons und Wüsten bis karibische Strände ist alles dabei. Die größte Erkenntnis ist jedoch, dass alle anderen mexikanischen Städte im Vergleich zum Capitol, nur noch wie Dörfer erscheinen. Wer weiß, wie es also wird im Sommer wieder nach Weimar zurückzukehren..?
In den fünf Monaten, die mir noch übrig bleiben, habe ich mir jedenfalls vorgenommen, nach México auf Reisen noch ein wenig mehr von Mittelamerika mitzunehmen..
soweit, so gut, verabschiede ich mich auf mexikanisch-chilangische Art:
„ba ba güeys, cuidense mucho, y avisanme cuando llegan a casa!“